Auf der richtigen Seite…
Interview mit dem Floridsdorfer Regisseur und Schauspieler Bernhard Dechant, dessen derzeit aufgeführtes Theaterstück „Die richtige Seite“ im Gasthaus Birner für alle Vorstellungen restlos ausverkauft ist.



Gerda Daniel:
Das von dir konzipierte Theaterstück „Die richtige Seite“ läuft seit 15. Jänner sehr erfolgreich im Gasthaus Birner in Floridsdorf. Geplant sind insgesamt 10 Vorstellungen bis 24. März. Alle Vorstellungen waren bzw. sind im vorhinein ausverkauft. Eine Wiederaufnahme ist in Planung. Worum geht´s und wie erklärst du dir den großen Erfolg dieses Stücks beim Publikum?
Bernhard Dechant:
Zum Erfolg tragen die acht sehr professionellen und engagierten Schauspieler:innen bei, die sich alle Zeit genommen haben und mit großem Enthusiasmus mitmachten. Sie ließen sich auf wichtige Diskussionen ein, z.B. ob wir rassistisch sind.
Und es war die richtige Entscheidung, das Theaterstück im Gasthaus aufzuführen, dieses Ambiente passt perfekt. Das Gasthaus Birner war sehr offen und mutig – man weiß ja nicht, wie die Leute aus der Facebook Gruppe reagieren. Obwohl öffentlich nicht gut erreichbar, ist es trotzdem ausverkauft.
In diesem Stück wollte ich eine Metaebene bauen, wie funktioniert dieses Wirtshaus, das die Facebookgruppe „Auf der richtigen Seite der Donau“ symbolisiert: anonym, emotional, ohne Regeln. Nicht Originalzitate, sondern die unberechenbare Stimmung und die Frage, wie unregulierte Räume die Demokratie gefährden, stehen im Fokus. Alle in der Facebook-Gruppe sind gewohnt einander zu beleidigen, es verschwimmen die Grenzen zwischen Sagbarem und Unsagbarem. Die Gruppe agiert nicht strategisch, sondern chaotisch, wie die Facebook-Welt selbst.
Mit ist selbst passiert, was in dem Buch „Big Tech muss weg“ stand – ich bin ein Datenproduzent, wobei mir unklar ist wie der Reichweitenalgorythmus funktioniert. Ich kann dem aber auch nicht entkommen, wegen der Reichweite für meine künstlerische Vorhaben.
Der Erfolg des Stücks zeigt auch: klassisches Sprechtheater funktioniert doch noch!
Gerda Daniel:
In diesem Stück geht es auch um die Frage, ob und inwieweit man Menschen mit ihren Ängsten und Sorgen verstehen muss, die tagtäglich ihren Hass- und Gewaltphantasien, Vorurteile in Sozialen Medien freien Lauf lassen und bestimmte Menschen zu Wesen zweiter Klasse degradieren. Was ist deine persönliche Antwort darauf?
Bernhard Dechant:
Während der Coronapandemie empfanden sie sich selbst als Menschen zweiter Klasse, gegenüber Migrant:innen sehen sich sich nicht als von oben herab. Sie nehmen u.a. die LGBTQ+ Bewegung als Gefahr für den Bevölkerungsstand wahr.
Dieser digitale Müll funktioniert nur, weil ein winziges Körnchen Wahrheit drin steckt. Die Frage ist, wie kann ein Diskurs darüber zustande kommen? Eine differenzierte Diskurskultur ist durch kommentieren und zurück kommentieren nicht möglich! Die Art der Kommunikation auf Social Media trennt uns eher als sie uns verbindet, das Ego wird getriggert. Provokation und Spaltung bringt die meiste Reichweite.
Meine Conclusio ist: man muss sehr unterscheiden zwischen Leuten, die solche Botschaften mit Absicht verbreiten – hier hab ich keine Lust , dem näher zu kommen, Weiters gibt es Menschen, die eigentlich nicht wissen, was sie da posten, hier muss man im Gespräch bleiben. Begründete Ängste möchte ich sehr wohl ernst nehmen.
Wir haben glaube ich noch immer nicht verstanden, was Social Media alles mit uns macht. Es bringt uns dazu, uns Zeit zu stehlen. Informationsquellen zu überprüfen kostet viel Zeit. Wir wachsen mit der Social media Entwicklung.
Ich empfehle die Lektüre von „Big Tech muss weg“ – es beschreibt den riesigen Impact, den die Vormachtstellung der Digitalkonzerne auf Journalismus und auf Demokratie hat. Spätestens 2030 konzentrieren sich mehr als Dreiviertel der Medien im digitalen Medienmarkt
Gerda Daniel:
Wie sieht die finanzielle Situation für diese Produktion aus? Inwieweit können Fair Pay Ziele eingehalten werden?
Bernhard Dechant:
Die finanzielle Situation ist nicht einfach. Ich möchte meine Schauspieler:innen fair bezahlen, aber mit den erhaltenen (gekürzten) Förderungen geht sich das nur bedingt aus. Alle Fördergeber haben weniger genehmigt als beantragt.
Es führt dazu, dass ich selbst für eine sehr geringe Gage arbeite. Als Einzelperson eine Produktion zu machen ist schwierig. Insgesamt kann es in der Kulturszene nicht so weiter gehen.
Gerda Daniel:
Du hast / Ihr habt ein partizipatives Konzept für das Gloriatheater erarbeitet, das viele Floridsdorfer Vereine mit an Board genommen hätte. Sehr bedauerlich, dass daraus nichts geworden ist…
Bernhard Dechant:
Wir wollten das Potential aller Floridsdorfer Kulturvereine zusammen führen und verbinden. Es wäre wichtig, gemeinsam zu überlegen, wie wir nachhaltig Kultur im Bezirk etablieren. Kulturinteressierte Wiener:innen sollten über die transdanubische Grenze gezogen werden.
Gerda Daniel:
Du bist dreifacher Nestroy-Preisträger, arbeitest seit Jahren mit hochkarätigen Schauspieler:innen und Regisseur:innen zusammen und hast zahlreiche Theaterprojekte in Wien und Deutschland umgesetzt. Wir können mehr als froh sein, dass du dich auch in Floridsdorf künstlerisch engagierst – emanzipatorische Kulturarbeit brauchen wir dringend. Was wünscht du dir vom Bezirk an Unterstützung für deine künstlerischen Projekte? Welche Rahmenbedingungen braucht es?
Bernhard Dechant:
Mein Wunsch an den Bezirk: mehr Initiative in Richtung Kunst und Kultur, Wertschätzung und aktive Förderung für das was bereits passiert sowie ein aktiveres Verständnis für gesellschaftliche Zusammenhänge. Und ich wünsch mir das Verständnis, dass Künstler:innen das nicht für sich selbst machen, sondern für die Menschen. Der Bezirk kann stolz sein auf die Künstler:innen, die hier leben und für Vernetzung sorgen.
Wir brauchen niederschwelligen Zugang zu Kunst und Kultur und neue Formate auch für jüngere Generationen. Wie definiert man Kulturbetriebe und Kulturorte neu und modern? Die lokale Gastronomie mit einbeziehen, die Menschen im realen Raum zusammenbringen, damit sie nicht im digitalen Höhlen versinken.
Mein Anspruch ist es, auf neue Besucherschichten zuzugehen und Menschen ins Theater zu holen, die sonst nicht ins Theater gehen. Ich will kein Theater machen, in dem dem Bürgertum immer wieder das selbe erklärt wird. Ich will gesellschaftliche Themen und Konflikte aufgreifen.
Der Bezirk muss sich als Partner für Kulturschaffende sehen, nicht ausschließlich als Geldgeber – es braucht längerfristige Partnerschaften. Kunst schafft auch Arbeitsplätze. Dazu braucht es ein höheres Bezirkskulturbudget, hier arbeiten Menschen.
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Hintergrundinformation zu Bernhard Dechant
Bernhard Dechant ist Schauspieler und Regisseur, sowie dreifacher Nestroy-Preisträger.
Er lebt seit 10 Jahren in Floridsdorf. Vor dem aktuellen Stück „Die richtige Seite“ war er in allen Bezirken auf Wirtshaustour mit der Produktion „Kompromisslos in die Wiedergeburt“ über Oskar Werner, alle Vorstellungen ausverkauft.
Im Frühsommer 2018 betrieb er mit Künstlerkolleg:innen die „HeldInnenzentrale“ in der Brünnerstraße 7.
http://bernhard-dechant.at/index.html
https://www.schweigendemehrheit.at/