Freie Kunst in Stammersdorf
Mit der „Kunstgebung – Politischer Wandertag der Künste“ schafft der Verein Kunstgeberei bereits zum dritten Mal frei zugängliche Kulturangebote mitten in Stammersdorf. Obfrau Miriam Strasser spricht im Interview über politische Kulturarbeit am Stadtrand und darüber, warum niederschwellige Begegnungsräume wichtiger denn je sind.





Gerda Daniel, Grüne Floridsdorf:
Ihr organisiert nun am 14. Juni zum 3. Mal die „Kunstgebung – Politischer Wandertag der Künste“, mit niederschwellig zugänglichen Performances, Lesungen und Musik ohne Konsumzwang. Was hat euch zu diesem Format motiviert?
Miriam Strasser, Kunstgeberei:
Das Format ist ursprünglich aus der Corona-Pandemie heraus entstanden: Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht, Kunst im öffentlichen Raum zugänglich zu machen – als Spaziergang, ohne große Menschenansammlungen.
Die erste Kunstgebung 2020 war als Demonstration gedacht – mit dem Statement: „Kunst IST systemrelevant“. Ähnlich wie beim „Schweigemarsch der Künstler*innen“, nur dass bei uns das Publikum gewandert ist und die Kunst stationär war.
Daraus hat sich ein Format entwickelt, das bis heute Bestand hat – inzwischen mit dem klaren Fokus: Kunst ist politisch.
Gerda Daniel, Grüne Floridsdorf:
Ihr habt tolle Künstler:innen für die Kunstgebung gewonnen. Was werden die wichtigsten Programmpunkte sein?
Miriam Strasser, Kunstgeberei:
Uns ist die Mischung besonders wichtig: Wir kuratieren bewusst zwischen etablierten Stimmen und neuen, noch weniger sichtbaren Positionen.
Beiträge von KünstlerInnen wie Mieze Medusa oder Grischka Voss sind natürlich besondere Highlights. Gleichzeitig geben musikalische Acts wie die Klangkünstlerin Tahereh Nourani oder die queere FLINTA-Swing-Band Major Shrimp sowie viele weitere PerformerInnen dem Programm eine große Vielfalt. Ich könnte hier jetzt über jeden einzelnen Beitrag ein eigenes Loblied singe.
Ein zentrales Anliegen ist uns außerdem die „Plattform der Vielen“ im Garten der Villa.Bunter.Hund: Ein offener Raum für zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich präsentieren, vernetzen und mit dem Publikum ins Gespräch kommen können. Hier sind auch kurzfristige Anmeldungen noch willkommen.
Gerda Daniel, Grüne Floridsdorf:
Was ist euer politischer Anspruch als Verein? Allgemein und auf den Bezirk bezogen?
Miriam Strasser, Kunstgeberei:
Wir verstehen Kunst als gesellschaftliches Werkzeug: als Medium für Dialog, Kritik und Perspektivwechsel.
Wien ist eine Kulturstadt mit zwei Gesichtern: einer stark institutionalisierten „hohen Kunst“ und einer lebendigen, diversen freien Szene. Wir wollen diese andere, oft weniger sichtbare Seite zeigen – bewusst auch geografisch „auf der anderen Seite“ der Stadt, jenseits der Donau.
Unser Anspruch ist es, Räume zu schaffen, in denen Diversität sichtbar wird, Austausch stattfinden kann und Kunst als politisches Ausdrucksmittel erfahrbar wird.
Gerda Daniel, Grüne Floridsdorf:
Solche Kulturangebote am Stadtrand sind sehr erfreulich, es sind ja auch einige lokale Heurigen-Betriebe mit einbezogen – d.h. auch die lokalen Wirtschaftskreisläufe werden gestärkt. Wie seht ihr diese Zusammenarbeit?
Miriam Strasser, Kunstgeberei:
Für uns ist das eine klare Win-Win-Situation: Die Heurigenbetriebe bieten Infrastruktur und ein bestehendes Publikum, das vielleicht nicht gezielt nach zeitgenössischer Kunst sucht – und genau dort setzen wir an.
Gleichzeitig bringen wir ein neues Publikum in die Region, das die lokale Kultur sonst vielleicht nicht kennenlernen würde. So entsteht ein Austausch zwischen Tradition und Gegenwart, der für beide Seiten bereichernd ist.
Gerda Daniel, Grüne Floridsdorf:
Ihr bietet auch regelmäßig Clown-Workshops im Kulturankerzentrum an – wie werden diese angenommen?
Miriam Strasser, Kunstgeberei:
Ausgesprochen gut – mit wachsender Nachfrage. Derzeit erreichen wir vor allem Menschen aus anderen Bezirken, die gezielt zu unseren Angeboten kommen. Langfristig würden wir uns wünschen, auch noch mehr Menschen direkt aus dem Bezirk anzusprechen und einzubinden.
Gerda Daniel, Grüne Floridsdorf:
Was würdet ihr euch vom Bezirk wünschen?
Miriam Strasser, Kunstgeberei:
Mehr Unterstützung in der Sichtbarmachung lokaler Initiativen und deren Arbeit sowie stärkere Vernetzungsangebote. Außerdem wünschen wir uns mehr Offenheit für die Nutzung von Leerständen und öffentlichen Flächen – möglichst unbürokratisch und leistbar – um kulturelle Aktivitäten im Bezirk langfristig zu stärken.
Miriam Strasser ist Obfrau des Vereins Kunstgeberei aus Stammersdorf.
Kunstgebung in Stammersdorf
am Sonntag 14. Juni, 15 – 19 Uhr
Entlang einer abgewandelten Route des Wiener Stadtwanderwegs 5 wird der öffentliche Raum zur Bühne.
An mehreren Stationen zeigen Künstler*innen aus unterschiedlichen Sparten kurze, wiederholbare Performances von etwa 10 Minuten, die flexibel für das jeweils anwesende Publikum gespielt werden.
In Kooperation mit den Heurigen Biohof5, Presshaus Steindl, Klager und Marillengartl Bernreiter
https://www.wien.gv.at/veranstaltungen/dritte-kunstgebung
Weitere Informationen:
„Im Sinne des Artikel 27 organisieren wir regelmäßig frei zugängliches Kunst und Kultur Angebot, in der malerischen Stadtrand-Natur Wien Stammersdorfs. Wir verstehen Kunst als Menschenrecht und wollen ein nicht kommerzielles Angebot schaffen, dass allen Menschen – unabhängig von Herkunft, Alter, Bildungsgrad oder Einkommen – offen steht“
Miriam Strasser Obfrau des Vereins Kunstgeberei