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am 23. September

Beim Abschied ein Blick hinter die Kulissen

Webredaktion Grüne Floridsdorf - Drei unserer langjährigen Bezirksrät*innen werden dem nächsten Klub nicht mehr angehören. Heinz Berger wirft im Gespräch mit Susanne Dietl, Gabriele Tupy und Gerhard Jordan einen Blick hinter die Kulissen der Politik.

Die scheidenden Bezirksrät*innen Gerhard Jordan, Susi Dietl und Gabi Tupy (von links nach rechts).

Drei unserer langjährigen Bezirksrät*innen werden dem nächsten Klub nicht mehr angehören.​ Was die ganz persönlichen Motive für das Aufhören sind, wie die drei ihre politische Tätigkeit erlebt haben, was ihre größten Erfolge sind und wie sie ihre Nachfolger*innen sehen, erzählen sie in diesem Interview. Das Gespräch führte unser Klubobmann Heinz Berger.

Grüne Floridsdorf:  Dass vom aktuellen Klub gleich drei kompetente Grüne als Bezirksrät*innen aufhören werden, sorgt für viel Aufsehen. Was sagt Ihr dazu?

Susi Dietl (lacht): Seit meiner Bekanntgabe, dass ich nach 25 Jahren meine Funktion als aktive Mandatarin im Bezirk beende, erfahre ich eine ganz neue Wertschätzung zu meiner Arbeit, sogar von den andren Fraktionen. Auf jeden Fall wesentlich mehr Wertschätzung, als in den gesamten vergangenen Jahren davor!

Gabriele Tupy: Mir geht es ebenso. Wichtig war für mich, dass es für die scheidenden Bezirksrät*innen Nachfolger*innen mit hoher Kompetenz gibt. Gerade bei einem kleinen Klub ist es wichtig, dass jede einzelne Person hochqualifiziert ist. Für meinen Bereich „Klimaschutz, Umwelt und Artenschutz“ bekommen wir mit Angelika Pauer eine sehr kompetente und engagierte junge Mandatarin. Und Erwin Toth hat auf Platz 4 unserer Liste einen fixen Platz im nächsten Klub. Ihm sind als Student vor allem Klimaschutz und nachhaltige Mobilität ein Anliegen.

Gabriele Tupy

Gerhard Jordan: Auch ich bin sehr glücklich mit der nächsten Generation. Im Bereich „Stadtplanung“ bringt Ursula Hofbauer als Architektin eine breite Expertise mit. Und Gerda Daniel verstärkt das Team durch ihren Einsatz für Nahversorgung und Kultur.


Grüne Floridsdorf:​ Was sind eigentlich Eure ganz persönlichen Motive, aufzuhören?​​

​Susi Dietl: Was viele Menschen nicht wissen: Die Bezirksratstätigkeit ist eine Nebenbeschäftigung, die man neben dem Hauptberuf in der Freizeit erledigt. Ich merke zunehmend, dass ich zusätzlich zu meiner Haupttätigkeit in der Krankenpflege keine zusätzlichen Aufgaben mehr schaffe. Besonders jetzt in Corona-Zeiten: Nach acht oder mehr Stunden Arbeiten mit Maske fehlt mir einfach die Kraft für weitere Verpflichtungen.

Gabriele Tupy: Bezirksrätin zu sein ist eine sehr erfüllende Aufgabe, für die man sich allerdings auch ausreichend Zeit nehmen muss. Der Spagat zwischen meinem Hauptberuf als selbständige Unternehmerin im Sozialbereich und meiner politischen Tätigkeit war oft nicht leicht zu bewältigen. Noch dazu, wenn man z.B. im Umweltausschuss meist erst eine Woche zuvor von einem Sitzungstermin erfährt. Für mich als Selbständige bedeutet das, kurzfristig und sehr aufwändig Termine umorganisieren und umplanen. Ich habe das 15 Jahre sehr gerne gemacht für unser Floridsdorf – und ich freue mich, wenn jetzt neue Leute die Aufgaben übernehmen.

Gerhard Jordan



Gerhard Jordan: Ich bin vor kurzem von Floridsdorf in den 13. Bezirk übersiedelt und kandidiere nun in Hietzing für die Grünen bei der Bezirksvertretungswahl. Allerdings bleibe ich Floridsdorf – dem Bezirk, in dem ich 53 Jahre lang gelebt habe und 1987 die Bezirksorganisation der Grünen mitgegründet habe – natürlich verbunden. Gelegentlich werde ich mich hier weiter einbringen, zum Beispiel mit meinen Grätzelspaziergängen, mit Aktivitäten im Rahmen des Bezirksmuseums oder im Rahmen der „Überparteilichen Gedenkplattform Transdanubien“.

Grüne Floridsdorf:  Wenn Ihr auf Eure langjährige politische Tätigkeit zurückblickt: Was zählt Ihr zu den größten Erfolgen der Floridsdorfer Grünen?

Gabriele Tupy: Das ist für mich ganz eindeutig unser Landschaftsschutzgebiet. Im Mai 2015 wurde in Floridsdorf auf Betreiben der rot-grünen Stadtregierung fast ein Drittel der Fläche als Landschaftsschutzgebiet gewidmet. Ich bin stolz, dass wir Grüne dieses Vorhaben, das seit 20 Jahren als Idee in diversen Unterlagen immer wieder auftauchte, zur Realisierung bringen konnten. Damit sind viele Grünflächen nachhaltig für die kommenden Generationen gesichert!
Wichtig ist für mich auch der Beitritt Floridsdorfs zum Klimabündnis, der heuer nach unserem fast zehnjährigen Bemühen endlich erfolgt ist. Hier wird man erst in den kommenden Jahren die Bedeutung erkennen! Aber auch kleinere Projekte, die zur Umsetzung kamen, freuen mich: das Paradeisgartl im Donaufeld oder die Gemeinsame Landwirtschaft „Wilde Rauke“ in Stammersdorf, die 2019 sogar als eines von 69 Projekten in ganz Europa für den European Award for Ecological Gardening nominiert wurde. 

Gerhard Jordan: Obwohl wir nicht alles erreichen konnten was wir uns vorgenommen haben – z.B. die Bundesstraße B3 zu verhindern -, gab es doch immer wieder Erfolge. In den ersten Jahren waren wir Grünen praktisch die einzige Opposition, da war das 1990/91 die Absiedlung der Chemiefabrik Perstorp in Donaufeld. Später konnten wir stärker mitgestalten – da waren es u.a. Benennungen wie der Joseph-Samuel-Bloch-Park, der Friessneggpark etc. und Projekte im Bereich der Gedenkkultur wie die Aufstellung der Stele zur Erinnerung an die Floridsdorfer Lovara, Sinti und Roma in der Franklinstraße; und 2018 nach über siebenjährigen Bemühungen der Beschluss der Ortsbild-Schutzzone im historischen Floridsdorfer Bezirkszentrum um den Spitz, wobei ich da die gute Zusammenarbeit im Bezirks-Bauausschuss speziell erwähnen möchte.
Das - bis heute nachwirkende - „Highlight“ war aber sicher die Errichtung der „Autofreien Mustersiedlung“ in der Nordmanngasse, deren Impulsgeber Christoph Chorherr in den 90er-Jahren war. Dadurch kamen engagierte Menschen ins Grätzl, die vielfältige Initiativen setzen konnten – vom Verkehrsbereich über den monatlichen Ab-Hof-Markt bis zu kulturellen Aktivitäten. Solche - oft auch kleinen - Erfolge sind es, die mich, auch wenn es manchmal Frust und Ärger über „politische Fouls“ der „Mitbewerber“ gab, immer wieder ermutigt und motiviert haben, weiterzumachen.


Susi Dietl: Ich bin glücklich und – und ich sags ehrlich – auch ein bisschen stolz, dass wir Grüne​ viel für die Demokratie im Bezirk erreicht haben. Das erste Jugendparlament wurde beispielsweise ausschließlich mit Stimmen von Rot und Grün umgesetzt. Mittlerweile ist es überaus populär und wird nicht nur von allen Fraktionen unterstützt, sondern das Konzept wurde auch von anderen Bezirken übernommen.

Zu den „Highlights“ gehören für mich auch Projekte wie die Neugestaltung des Pius-Parsch-Platzes oder des Kreisverkehrs Angerer Straße. Beides hat eine enorme Kraftanstrengung gegen heftigen politischen Widerstand bedeutet, aber heute sind alle froh darüber.

Susi Dietl

Grüne Floridsdorf:  Ist das der Grund, warum Ihr versucht habt, viele politische Projekte auch ohne die Bezirksvertretung umzusetzen?

​G​abriele Tupy (lacht): Ja, klar! In der Bezirksvertretung wird leider mehr verhindert, als dass man gemeinsam überlegt: Wie könnte es gehen?!​​

​​Susi Dietl: Eines unserer Erfolgsprojekte, das wir Grüne im Alleingang umsetzen, ist unser Grüner Sozialflohmarkt am Franz-Jonas-Platz. Seit 15 Jahren gibt es dieses Projekt. Die Gesamteinnahmen in dieser Zeit betragen knapp 300.000 Euro, womit insgesamt 118 Projekte von sozial tätigen Vereinen unterstützt wurden. Es ist unglaublich, was unser tolles Flohmarkt-Team hier leistet!

Gabriele Tupy: Es gibt aber auch viele andere Beispiele für Projekte im Alleingang: Zum Beispiel unseren Ab Hof-Folder, mit dem wir unsere regionalen Bauern und Produzenten unterstützt haben - für ein klimafreundliches, regionales und saisonales Einkaufen in Floridsdorf; oder unsere Aktion „Floridsdorf blüht auf“ mit einer Blumensamenmischung für Bienen und andere gefährdete Insekten, mit Pflanzen aus unserer Region; oder der von mir gestartete Bio-Markt in der Gerasdorfer Straße. 

Gerhard Jordan: In meinem Bereich habe ich immer wieder Initiativen gesetzt, die mit meiner Ausbildung – ich habe Geschichte und Kunstgeschichte studiert – zu tun hatten, z.B. im Jahr 2012 eine Ausstellung zum Thema „Kunst am Bau in Floridsdorf“ im Bezirksmuseum, oder die zahlreichen bezirksgeschichtlichen Grätzlspaziergänge, die weit über das „grüne Spektrum“ hinaus Anklang fanden. Auch die Ausstellung und die Veranstaltungen über die Jüdische Gemeinde Floridsdorfs, anlässlich des 80. Jahrestags der „Reichspogromnacht“ im Herbst 2018, möchte ich erwähnen. Dazu gibt es übrigens eine Broschüre des Bezirksmuseums, die ich gemeinsam mit zwei Historiker-Kolleg*innen erstellt habe.

Grüne Floridsdorf:  Als kleiner Klub mit nur vier von 60 Bezirksrät*innen braucht man in der Bezirksvertretung Mehrheiten für Umsetzungen. Was hättet Ihr persönlich noch gerne erreicht, ist aber leider nicht gelungen?

Gerhard Jordan: Ich hätte gerne statt der Bundesstraße B 232 den „Donaufeldbach“, für dessen Errichtung wir 2010 eine Kampagne gestartet haben, angelegt. Dazu ist es leider nicht gekommen. Hoffentlich bleibt die Straße, deren Planungen noch aus dem vorigen Jahrhundert stammen, auch weiterhin „unvollendet“. Das grüne Stadtplanungs-Ressort wäre zu einer Umwidmung auf Wald- und Wiesengürtel bereit gewesen, aber leider wurde unser Antrag von SPÖ, ÖVP und FPÖ abgelehnt.
Wir hatten auch eine tolle Studie von unserem Ressort mit innovativen Vorschlägen zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität im Bezirkszentrum bei der inneren Brünner Straße, Prager Straße und Floridsdorfer Hauptstraße. Leider hat sich der Bezirksvorsteher nicht getraut, eine der Varianten umzusetzen. Gekommen sind nur ein paar Mini-Maßnahmen, die kaum jemandem aufgefallen sind. 

Gabriele Tupy: Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich bei Stadterweiterungsprojekten mehr auf die Bedürfnisse der Anrainer*innen eingegangen. Bürger*innen sind nicht per se Störfaktoren und Querulanten, sondern Expert*innen für ihre Region. Ich halte es für wichtig, mit ihnen gemeinsam ihr Grätzl weiterzuentwickeln – so gewinnen alle: die Bürger*innen und die Politik. Leider kam bisher bei jedem Stadterweiterungsprojekt von der SPÖ „Die Anzahl der Wohnungen ist nicht verhandelbar“. Von den Bürger*innen wünsche ich mir ein genaueres Hinsehen und Unterscheiden: wenn eine Grüne Forderung nicht durchgeht, dann liegt das nicht an den Grünen, sondern an den Mehrheitsverhältnissen – wir waren in dieser Periode z.B. nur 4 von 60 Bezirksrät*innen in Floridsdorf. 

Susi Dietl: Ich bedauere, dass es nicht gelungen ist, mehr Flächen für Landwirtschaft zu erhalten. Als in Floridsdorf immer mehr Privateigentümer ihre als Agrarflächen gewidmeten Grundstücke an Bauträger verkauften, besetzten Student*innen 2012 in Donaufeld und Großjedlersdorf landwirtschaftliche Flächen mit der Forderung, diese als Nahversorgungsgebiete in Zeiten der Klimakrise zu bewahren. Wir Grüne haben als einzige Partei die große Chance erkannt, hier Grünflächen für die Allgemeinheit und zur Nahversorgung zu erhalten. Wir führten sehr beeindruckende Gespräche mit den Student*innen, versuchten zu unterstützen und zu vermitteln. Auch viele Anrainer*innen haben das Ansinnen der jungen Leute begriffen. Besonders berührt hat mich, als Student*innen in Großjedlersdorf mit sogar 80-Jährigen Gemüse anbauten – gibt es ein sozialeres Miteinander?! Diese jungen Menschen ließ man von der WEGA unter Beisein der Polizei abtransportieren. Die SPÖ sah nur die „Landbesetzer“, hörte sie nicht einmal an. Auch von den anderen Fraktionen kam keinerlei Unterstützung. Dass diese friedlichen, sozial wie ökologisch engagierten Student*innen mit Polizeigewalt entfernt wurden, war eine der schwärzesten Stunden meiner politische Karriere. 

Grüne Floridsdorf:  Was erwartet Ihr Euch vom nächsten Grünen Klub? Was wünscht Ihr Euch für Floridsdorf? 

Gabriele Tupy: Klima- und Artenschutz müssen die zentralen Themen der kommenden Jahre sein – ob wir wollen oder nicht. Nach jahrelanger Überzeugungsarbeit und als das längst auch schon in der Bevölkerung erkannt wurde, dürfte der Klimaschutzgedanke nun endlich auch bei den anderen Fraktionen im Bezirk angekommen sein. Ich wünsche dem kommenden Klub, dass es gelingt, möglichst viele Klimaschutzprojekte umzusetzen

Gerhard Jordan: Ich hoffe, dass es dem neuen Klub gelingt, im Bezirk Mehrheiten für eine nachhaltige Verkehrs- und Stadtentwicklungspolitik zu finden. Damit endlich ein Radweg in der Brünner Straße umgesetzt wird, eine Parkraumbewirtschaftung kommt und dass auch die ohnehin im Vergleich zu anderen Bezirken spärliche historische Bausubstanz, die es in einigen Bezirksteilen noch gibt, erhalten wird und nicht der Bauspekulation zum Opfer fällt.

Susi Dietl:Ich wünsche mir, dass der künftige Grüne Klub weiterhin transparent von der politischen Tätigkeit berichtet. Information der Bevölkerung ist das Um und Auf für politische Teilhabe. Wir Grüne sind die einzige Partei, die über die Sitzungen der Bezirksvertretung informiert. Und das, seit es die Grünen in der Bezirksvertretung gibt – also seit über 30 Jahren.

Grüne Floridsdorf:  Eine letzte Frage: Werdet Ihr Euch weiterhin für Grüne Belange engagieren, auch wenn Ihr nicht mehr Bezirksrät*innen seid?

Gabriele Tupy: Auf jeden Fall – auch zivilgesellschaftlich. Klima-, Boden- und Artenschutz sind meine Herzensthemen. Aber auch Kulturprojekte reizen mich, da könnte 2021 etwas sehr Schönes gelingen. 

Gerhard Jordan: Sicher! Wie gesagt, einerseits als Bezirksrat in Hietzing, aber auch mit Projekten in Floridsdorf.

Susi Dietl: Unbedingt! Ich freue mich schon auf meine Zeit als Aktivistin bei den Floridsdorfer Grünen.

Grüne Floridsdorf: Der nächste Klub der Floridsdorfer Grünen freut sich schon auf die Zusammenarbeit mit Euch!

Der Klub der Grünen Floridsdorf 2015 - 2020