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am 18. September

Gedenkstele beim Hochbunker Gerichtsgasse enthüllt

Webredaktion Grüne Floridsdorf - Der Hochbunker in der Gerichtsgasse ist ein markantes Bauwerk in Floridsdorf. An seine Geschichte, die mit tragischen Schicksalen verbunden ist, erinnert nun eine Gedenkstele.

In der Gerichtsgasse, zwischen den heutigen Hausnummern 1A und 1B, befindet sich ein Hochbunker. Er ist ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg, das - inklusive seiner „dunklen Seiten“ - jahrzehntelang vergessen war. Nach entsprechender Vorarbeit, an der auch unser langjähriger Bezirksrat und Historiker Gerhard Jordan beteiligt war, wurde am 17. September 2021 eine Gedenkstele mit geschichtlichen Erläuterungen enthüllt.

Für die Umsetzung, die erforderlichen Bewilligungen usw. hatte sich vor allem das Bezirksmuseum Floridsdorf gemeinsam mit der Bezirksvorstehung engagiert.

Der Hochbunker wurde von Spätsommer 1944 bis Frühjahr 1945 errichtet. Er hat nichts mit den großen Flakbunker-Paaren in einigen Teilen Wiens zu tun, sondern sollte Personen, die in den Außenbereichen der umliegenden (rüstungsrelevanten) Betriebe und Einrichtungen arbeiteten, in der Endphase des Kriegs vor Luftangriffen schützen.

TeilnehmerInnen bei der Enthüllungs-Feier

Bezirksmuseumsleiter ​Ferdinand Lesmeister begrüßte die Gäste und wies darauf hin, dass im Museum am 19. September eine Ausstellung über die Familie Mautner-Markhof und deren Wirken in Wien eröffnet wird. Der Hochbunker steht auf einem Areal, das davor Teil der Mautner-Markhofschen Brauerei und Malzfabrik war.​

Grün-Bezirksrat a.D. Gerhard Jordan informierte in seiner Ansprache über den langjährigen „Dornröschenschlaf“ des Objekts und betonte vor allem die verdrängte Geschichte der Errichtung durch jüdische ZwangsarbeiterInnen, von denen viele während des Baus oder danach umkamen bzw. ermordet wurden. Bis vor wenigen Jahren gab es dazu kaum öffentlich zugängliche Informationen.

Kurz nach Kriegsende, als Kinder den Bunker erkunden wollten und darin Leichen entdeckten, wurde er gesperrt und ist bis heute aus Sicherheitsgründen und wegen Einsturzgefahr nicht öffentlich zugänglich. 1995 wurde zwar auf Initiative der Außenstelle der Wirtschaftskammer ein Fest anlässlich des Jubiläums 50 Jahre Kriegsende und 40 Jahre Staatsvertrag organisiert, aber davon war nachher nur das an die Wände des Bunkers gemalte damalige ORF-Testbild (zur Erinnerung an das Fernsehen, das im Staatsvertragsjahr startete), von den Künstlern Ferdinand Karl und Stefan Brandl angebracht, zu sehen.​

Bezirksrat a.D. Gerhard Jordan bei seiner Ansprache

Am 12. April 2015 organisierte die „Überparteiliche Gedenkplattform Transdanubien“ eine Gedenkwanderung anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung Transdanubiens vom Nazi-Terror.​ Der Archäologe Thomas Pototschnig informierte dabei in der Gerichtsgasse über seine Recherchen zur Entstehung des Hochbunkers.​

In der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden die Infos über den Bunker vor allem durch einen Beitrag in der Floridsdorfer Bezirkszeitung DFZ im Jahr 2017.

Auch eine Anrainerin, die im Georg Weissel-Hof wohnende, 1937 geborene ehemalige Lehrerin Eva Diem, die als Kind die Nazi-Diktatur erlebt hatte und deren Familie damals im Widerstand war und verfolgt wurde, schlug immer wieder vor, einen Hinweis zu dem Bunker anzubringen oder eine Tafel zu errichten. Sie war bei der Enthüllungsfeier anwesend.



Rechts im Bild, neben Bezirksvorsteher Papai, Anrainerin und Zeitzeugin Eva Diem

In seiner Rede zitierte Gerhard Jordan auch die Tagebuchaufzeichnungen des 1883 geborenen Zwangsarbeiters József Bihari, der zu den ab Frühjahr 1944 nach Wien gebrachten ungarischen Juden und Jüdinnen gehörte, die im letzten Kriegsjahr in Industriebetrieben, auf Baustellen und in Schutträumkommandos Sklavenarbeit leisten mussten – er war im Einsatz, nachdem im Sommer 1944 auf dem Gelände der Malzfabrik mit dem Bau des Hochbunkers begonnen wurde.

Einige Auszüge (gekürzt) aus dem erschütternden Zeitdokument:

9. 8. 44: Tatsächlich musste ich heute zur Arbeit in dieMautner-Bierfabrik gehen. Wir mussten Schutt abtragen.

22. 8. 44: Heute arbeite ich schon bei den Maurern. Es ist furchtbar, ich weiß nicht, wie ich es aushalten werde. Von meiner Rózsi noch immer keine Nachricht.


5.
9. 44: Es geht mir nicht gut. Ich habe ständig eine sehr schwere Arbeit. Ich muss sehr viel schwere Arbeit verrichten. Es ist schade, diese Zeit zu erleben.

11. 9. 44: Ich habe mich wieder krank gemeldet, aber man lässt mich
nicht. Man muss hier krepieren.

15. 9. 44: Es gibt nur Arbeit, keine Aussicht nachhause zu gehen.

13. 10. 44: Die Arbeit ist furchtbar schwer, ich muss ständig Ziegel tragen, hinauf auf den Stock, und zwar acht bis zehn Stück zusammen auf meinem Rücken. Es ist furchtbar.

21. 10. 44: Ich bin sehr gealtert. Ich bin schon ein Greis geworden, aber das sieht man auch bei den anderen.

8. 11. 44: Jetzt warten schon schwere Tage auf uns, da der Winter kommt und ich habe nichts zum Anziehen. Man muss arbeiten gehen, auch dann, wenn man nackt geht. Man kümmert sich nicht darum. Was sein wird, weiß ich selber nicht.

14. 11. 44: Gestern wurde ich in eine andere Fabrik zur Arbeit versetzt. Diese Fabrik gehört auch der Familie Mautner. Die andere Fabrik war in der Pragerstraße 20, die neue ist eine Destillerie-, Hefe- und
Konservenfabrik mit zweitausend Arbeitern in der Simmeringer Hauptstraße 101. Es gibt auch achtzig bis hundert Kriegsgefangene und wir sechzig Juden.​


(Quelle: Eleonore Lappin-Eppel, Ungarisch-Jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45. Arbeitseinsatz – Todesmärsche – Folgen. Wien/Berlin 2010)

Wie viele andere jüdische ZwangsarbeiterInnen wurde auch Bihari Anfang April 1945 auf einem Todesmarsch in Richtung KZ Mauthausen getrieben und in der Nacht vom 2. auf 3. Mai, also wenige Tage vor Kriegsende, bei Hofamt Priel (Bezirk Melk) erschossen.​

Gerhard Jordan begrüßte besonders, dass nun auch auf diesen grausamen Aspekt der Bezirksgeschichte öffentlich hingewiesen wird.

Anschließend hielt Bezirksvorsteher Georg Papai eine Ansprache und enthüllte gemeinsam mit Museumsleiter Ferdinand Lesmeister die Gedenkstele.​

Auf dieser ist auch ein Foto zu sehen, das den Bunker und seine Umgebung in den 1960er-Jahren zeigt. Heute ist er großteils von Efeu umwuchert, kann auch nicht innen besichtigt werden – aber am 17. September wurde Licht auf seine Entstehungsgeschichte geworfen.​​​


Museumsleiter Ferdinand Lesmeister und Bezirksvorsteher Georg Papai enthüllen die Stele.