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am 15. März

Die Nachteile der Idylle

Ursula Hofbauer - Leben im Einfamilienhaus: Was laut Umfragen nach wie vor die beliebteste Wohnform vieler Menschen ist, führt in der Realität leider zu Problemen wie Zersiedelung, Leerstand und Verkehrsinfarkt. Angesichts der aktuellen Diskussionen um Bodenverbrauch muss sachlich diskutiert werden, wie man mit dieser Problematik sinnvoll umgehen kann.

Zersiedelung, Leerstand und Verkehrsinfarkt statt Familienidylle

Seit Anfang Februar der zuständige (grüne) Bezirksamtsleiter von Hamburg, Michael Werner-Boelz, tatsächlich umsetzt, was in einer Koalitionsvereinbarung von SPD und Grünen bereits 2019 festgelegt wurde, dass nämlich im Norden Hamburgs keine neuen Flächen für Einfamilienhausgebiete ausgewiesen werden sollen, wird in allen deutschsprachigen Medien eine heftige Debatte um das Einfamilienhaus an und für sich geführt – auch in Österreich. Dabei versuchen konservative Politiker und Medien ideologisches Kapital aus der Tatsache zu schlagen, dass das Einfamilienhaus in Umfragen nach wie vor die beliebteste Wohnform ist.

Zeit zu rekapitulieren, was an dieser Wohnform - trotz ihrer Beliebtheit - problematisch ist. Und: was es für Vorschläge gibt, sinnvoll mit dieser Problematik umzugehen. Spoiler: Einfamilienhäuser zu verbieten (oder in Zukunft alle Menschen dazu zu zwingen in Plattenbauten DDR-style zu leben) ist keiner dieser Vorschläge. Deshalb wird das auch von niemandem ernsthaft diskutiert, wenn man von ideologischen Polemiken absieht.

Einfamilienhäuser haben einen enormen Bodenverbrauch
– auch dann, wenn sie wie geplant von einer mehrköpfigen Familie bewohnt werden. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person ist daher in den Bundesländern (mit 47,3 m2) um ca. 11 m2 grösser als in Wien (36,1 m2)​. Viel entscheidender ist aber, dass in Einfamilienhausgebieten die Bebauung so großräumig verteilt ist dass der Bodenverbrauch pro Kopf, die Versiegelung pro Kopf und alle Infrastrukturkosten enorm in die Höhe schießen. Denn im Speckgürtel steht jedes Haus mit einer Wohnung auf mindestens 500 m2 Grund – eine Fläche, auf der man im dicht verbauten Stadtgebiet bereits fünf Wohnungen unterbringt, das dann aber noch einmal auf vier oder fünf Geschossen, tatsächlich also etwa zwanzigmal so viele Menschen. Der zur Erschließung dieser Häuser notwendige Straßenbau erreicht in den Speckgürteln wahnwitzige Dimensionen. Mit 15 Meter Straße pro Einwohner besitzt Österreich eines der dichtesten Straßennetze in Europa: Im viermal so großen Deutschland sind es gerade mal 7,9 Meter, in der halb so großen Schweiz 8,1 Meter pro Einwohner. Denn auch hier gilt: im dichtverbauten Stadtgebiet erschließt die Straße Häuser mit zwanzigmal mehr Bewohner*innen – was ein attraktives Netz umweltfreundlicher öffentlicher Verkehrsmittel überhaupt erst ermöglicht.

Einfamilienhausgebiete sind also doppelt unökologisch: sie tragen durch die geringe Dichte der Bebauung unverhältnismäßig zum Bodenverbrauch bei(​mit 602 m2 pro Person hat Österreich den höchsten Wert in Europa!​​) – und sie lassen sich nur mit Individualverkehr erschließen. Wenn jede*r mit dem eigenen Auto in die Arbeit, zum Einkaufen und in die Schule fahren muss, weil die Distanzen für Fuß-, Rad- und öffentlichen Verkehr zu weit sind, ist der Energieverbrauch für Mobilität im Vergleich zu kompakteren Siedlungsformen extrem groß. Das schlägt sich auch in den CO2-Bilanzen nieder: in den Speckgürteln, Vororten, Suburbs entstehen doppelt so viele CO2-Emissionen wie in Städten - oder auf dem Land.

Wenn wir alle Einwohner Österreichs auf die bereits existierenden Ein- und Zweifamilienhäuser aufteilen, kommen wir auf durchschnittlich 4,16 Bewohner pro Wohneinheit – das heißt für jede Familie in Österreich ist bereits mindestens ein Haus gebaut. Das deutet aber auch darauf hin, dass es in diesem Bereich eine hohe Unterbelegung und eine beachtliche Leerstandsrate gibt. Und trotzdem werden statistisch gesehen jede Stunde in Österreich 1,74 neue Ein- oder Zweifamilienhäuser gebaut. „Aber eigentlich müssten wir kein einziges neues Haus mehr bauen!​", sagen die Kuratorinnen der Ausstellung „Boden für Alle​“ im AzW, Karoline Mayer und Katharina Ritter.

Dabei werden gar nicht alle Einfamilienhäuser von einer Familie bewohnt, sondern viele über lange Zeiträume von der Restfamilie, die übrig bleibt, wenn erwachsene Kinder ausziehen. Der dadurch entstehende interne Leerstand in den Häusern ist auch ein Problem dieser Wohnform, sagt Architektin und Wohnforscherin Julia Lindenthal. „Man überschätzt, wie kurz die Phase ist, in der man als Familie zusammenwohnt. In der Regel ziehen die Kinder nach zehn bis 15 Jahren weg. Dann ist es bald einmal kein Einfamilienhaus mehr, sondern nur mehr ein Paarhaus. Wir haben statistisch immer weniger Kinder, zugleich werden wir immer älter. Es gibt außerdem deutlich mehr ältere Singles.​“ Der Bodenverbrauch pro Person verdoppelt sich, wenn statt vier Personen nur mehr zwei im Haus wohnen – und er vervielfacht sich, wenn die (statistisch zwei) Kinder jeweils neue Einfamilienhäuser auf neu gewidmetem Bauland bauen. Weil dieses Pyramidenspiel viele Nachteile hat, hat Julia Lindenthal in einem Forschungsprojekt versucht Alternativen auszuloten: Lassen sich leer stehende Räume vermieten? Können auch Personen ein Einfamilienhaus (EFH) bewohnen, die nicht im engeren Sinne einer Familie angehören, so dass ein Mehrpersonenhaus (MPH) daraus wird? Die Situation soll verbessert werden, ohne den Menschen eine bestimmte Wohnform aufzudrängen – oder sie gar im Alter aus ihrer gewohnten Umgebung drängen zu wollen. Ihr Handbuch "Neues Wohnen im alten Haus" beinhaltet auch Anregungen und Empfehlungen für Planer*innen, Berater*innen und Gemeinden, die etwas gegen Leerstand, Zersiedelung und soziale Probleme in ihrer Gemeinde tun möchten.

Diese und ähnliche Ansätze zielen auch darauf ab, dörfliches Leben zu reaktivieren. Denn Leben im Dorf ist – im Gegensatz zum Leben im Speckgürtel – nicht per se ein Klima- und Umweltproblem. Die Suburbs und Einfamilienhausvorstädte konnten überhaupt nur durch die Verbreitung des Automobils seit den 1950er Jahren entstehen und wachsen. Das Einfamilienhaus und das Auto, als Symbole des Wohlstands, gehören eng zusammen. Bevor es normal war ein Auto zu besitzen, waren auch die ländlichen Siedlungsformen kompakt – und damit im Hinblick auf Energieverbrauch, Bodenverbrauch und Erschließung unproblematisch. Deswegen ist einer der Lösungsansätze für das Zersiedelungsproblem, auch die Dörfer und ländlichen Siedlungszentren zu stärken. Denn diese sind auch – wie die Städte – soziale Zentren. Kompakte Siedlungsformen ermöglichen auch Kindern, Jugendlichen und ökonomisch schwachen Gruppen, die sich nicht überall hin mit dem Auto bewegen können, Teilhabe am sozialen Leben.

Unabhängig von ökologischen Fragen muss auch thematisiert werden, dass die enormen Allgemeinkosten für die Erschließung und Infrastruktur der flächengreifenden Einfamilienhaussiedlungen, Straßenbau, Leitungsbau, Schulbusse, die enorm lange Strecken zurücklegen müssen, immer auf die Allgemeinheit umgewälzt werden, während sich den Bau oder Kauf eines Einfamilienhauses nicht alle Menschen leisten können. De facto zahlen also ökonomisch schlechter gestellte Menschen den Lebensstil der Einfamilienhausbesitzer*innen über Abgaben und Infrastrukturkosten mit. Das ist eine soziale Ungerechtigkeit, die wir Grüne sicher nicht befürworten.

Insbesondere in größeren Städten gilt es, ebenfalls unabhängig von ökologischen Fragen, auch einfach den Verkehr zu organisieren, unter der Maßgabe, dass Straßenraum nicht vermehrbar ist. Bereits seit vielen Jahren behindern sich die Autofahrer*innen gegenseitig durch Staus - und PKWs auf Parkplatzsuche übersteigen bei weitem das, was der öffentliche Raum an Parkplätzen zur Verfügung stellen kann. Eine lebenswerte Stadt mit ausreichend Platz für andere Nutzungen, für Fußgänger*innen, Radfahrer*innen, Aufenthalt, Spiel und Bewegung, Parks und Grünräume soll nicht durch die Dominanz des Autos blockiert werden. Der fließende und ruhende Individualverkehr in der Stadt muss daher reduziert werden, nicht ausgebaut. Wenn aber weitere Einfamilienhausgebiete in der Stadt - und in den Umlandgemeinden! - gewidmet und gebaut werden, die ohne Auto gar nicht erschließbar sind, dann kann das nicht gelingen.
Speckgürtel fördern den Autoverkehr zwangsläufig, fördern damit CO2-Ausstoß und Verkehrschaos. Deswegen ist der Ansatz der rot-grünen Stadtverwaltung in Hamburg richtig, auf die kompakte Stadt zu setzen und die Einfamilienhausgebiete nicht weiter auszubauen.

Richtig wäre auch, das weitere Wachstum des Speckgürtels im Umland von Wien zu unterbinden, indem man von Autobahnen und Stadtstraßen Abstand nimmt, die Anreize für weitere Baulandwidmungen auf der grünen Wiese schaffen. Richtig wäre es, dass zukünftige Häuslbauer sich halt ein bereits bebautes Grundstück suchen und das bereits errichtete Haus nach ihrer Vorstellung umbauen, oder abreißen und dort - ohne weitere Baulandwidmungen - nach ihren Vorstellungen bauen.

Richtig ist es aber auch, eine moderate Verdichtung bestehender Einfamilienhausgebiete in unmittelbarer Umgebung hochrangiger Verkehrsmittel zuzulassen, beispielsweise im fußläufig erreichbaren Einzugsgebiet der U1 Endstation Leopoldau. Hier ginge es eher darum darauf zu schauen, wie diese Verdichtung in einer städtebaulich verträglichen Art und Weise passieren kann, die auch den heutigen Bewohner*innen eine Verbesserung der Infrastruktur und der Lebensqualität bringt. Dabei soll selbstverständlich niemandem verboten werden, in seinem Einfamilienhaus zu wohnen. Von einem Verbot dieser Wohnform kann gar keine Rede sein. Aber ein Recht darauf, dass auch in allen umliegenden Häusern alle Bewohner*innen im engeren Sinn eine Familie bilden und miteinander verwandt sind, gibt es nicht. Dichte, zulässsige Bauhöhe und Versiegelungsgrad sollen im Sinne ökologischer und sozialer Siedlungsentwicklung festgelegt werden.

Der Flächenverbrauch durch Einfamilienhaussiedlungen führt derzeit zu Diskussionen in den Medien

Weiterlesen zum Thema Einfamilienhäuser in der Stadt:

Bodenverbrauch - Hausbau-Mekka Österreich: Im Land der Versiegler
Österreich ist ein Land der Einfamilienhausbewohner. Der Bodenverbrauch ist hoch. Das bringt auch sozialpolitische Herausforderungen mit sich
Martin Putschögl, Der Standard, 29. Jänner 2018
https://www.derstandard.at/story/2000073061110/oesterreich-nation-der-hausbauer-im-land-der-versiegler

​Einfamilienhäuser müsste man in Österreich für Jahre nicht bauen
Viele Eigenheime werden ihren Bewohnern im Alter zu groß. Architektin Lindenthal schlägt vor, Häuser mit anderen zu teilen.
Lukas Kapeller, Interview mit Julia Lindenthal, Kurier 10.04.2018
https://kurier.at/wohnen/einfamilienhaeuser-man-muesste-in-oesterreich-ueberhaupt-nicht-mehr-bauen/400017493

Projekt ReHABITAT:
Ein umweltgerechter, sozialgerechter und gemeinwohlorientierter Ansatz, unterbelegte Einfamilienhäuser in gender- und altersgerechte Mehrpersonen­häuser (MPH) umzugestalten - und dabei Leerstand in Einfamilienhäusern zu reduzieren, weitere Zersiedelung zu vermeiden, innerdörfliche Freiräume zu erhalten, Kapital- und Wert zu erhalten, dörfliches Leben zu reaktiviert und die regionale Wirtschaft (wieder) zu beleben.
http://www.ecology.at/rehabitat.htm

​Aus der Traum. Das Einfamilienhaus – ein Konzept von gestern
Viele Österreicher wünschen sich ein Einfamilienhaus im Grünen. Aber diese Wohnform bringt viele Nachteile mit sich. Alternativen gäbe es.
Franziska Zoidl, Der Standard 08.02.2020
https://www.derstandard.at/story/2000114211325/das-einfamilienhaus-ein-konzept-von-gestern​

​Ewig droht der Baggerzahn. Kein Land verbaut pro Kopf so viel Boden wie Österreich. Was dagegen helfen könnte, zeigt ein Blick in die Schweiz
Matthias Daum und Florian Gasser, die Zeit,22. März 2020
https://www.zeit.de/2020/13/oesterreich-bebauung-wohnraum-einfamilienhaus-schweiz

​Immo-Kolumne - Einfamilienhäuser: Wohntraum als Auftrag
Es braucht mehr Wohnformen, die die Wünsche von Häuslbauern erfüllen
Franziska Zoidl, Der Standard 8. Februar 2020
https://www.derstandard.at/story/2000114253587/einfamilienhaeuser-wohntraum-als-auftrag

Hamburgs Grüne verbieten Einfamilienhäuser - Traumhaus ade Alexander Neubacher, Der Spiegel 06.02.2021
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/hamburg-gruene-verbieten-einfamilienhaeuser-traumhaus-ade-kolumne-a-00000000-0002-0001-0000-000175196783

​Grüne gegen weitere Einfamilienhäuser: Geschoss statt Minischloss
Einfamilienhäuser sind unvernünftig. Hamburger Grüne wollen deswegen keine mehr genehmigen. Ist die gute, alte Verbotspartei wieder da? Leider nicht.
TAZ, 08.02.2021
https://taz.de/Gruene-gegen-weitere-Einfamilienhaeuser/!5746630/

Dürfen wir bald nicht mehr in Einfamilienhäusern wohnen? Deutschland ist in Aufregung, weil ein Hamburger Stadtbezirk keine neuen Einfamilienhäuser zulässt. Keine Wohnform wird so zum Spielball wie das Eigenheim
Maik Novotny, Der Standard 12.02.2021
https://www.derstandard.at/story/2000124116612/duerfen-wir-bald-nicht-mehr-in-einfamilienhaeusern-wohnen

Wohnungsnot: Kritik an Äußerungen von Anton Hofreiter zu Einfamilienhäusern
Viel Fläche, hohe Energiekosten, viel Verkehr: Der Grünenfraktionschef plädiert für weniger Neubauviertel im Umland. "Reine Ideologie", halten ihm Kritiker entgegen.
Die Zeit, 13. Februar 2021
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-02/wohnungsnot-anton-hofreiter-neubau-einfamilienhaeuser-kritik-cdu

Grüne und Eigenheime: Intellektuelle Flurbegradigung
Die Debatte um neue Einfamilienhäuser wird mit schlichten Reflexen abgewürgt. Stattdessen sollten alte Konsumgewohnheiten hinterfragt werden.
TAZ, 14. 2. 2021
https://taz.de/Gruene-und-Eigenheime/!5747020/

Debatte um Einfamilienhäuser: „Das ist wirklich Unfug“
Verbieten Grüne das Einfamilienhaus? Ein Hamburger Bezirksamtsleiter erklärt, warum er die von Konservativen gepushte Debatte recht irre findet.
TAZ, 15. 2. 2021
https://taz.de/Debatte-um-Einfamilienhaeuser/!5747069/

Einfamilienhäuser und Klimaschutz: Zurück in die Stadt!
Im Einfamilienhaus leben zu wollen, ist eine gesellschaftliche und psychologische Entscheidung – mit einer schlechten Klimabilanz. Ein radikales Umdenken ist notwendig.
Gernot Wagner, Die Zeit, 26.02.2021
https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-02/einfamilienhaeuser-klimaschutz-debatte-eigenheim-gruene-stadt-land