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am 17. März

Bäume vor den Vorhang

Angelika Pauer, Erik Pauer - Groß ist die Vielfalt an Bäumen in unserem Bezirk: Nicht nur hinsichtlich der vielen verschiedenen Arten, auch die Standorte, Stressfaktoren und Lebensqualitäten unserer Bäume unterscheiden sich drastisch. Wie lebt es sich aus Sicht eines Baumes? Damit wir das erfahren, unternehmen wir mit euch einen Streifzug durch unsere Baumlandschaft und bitten jede Woche einen neuen Vertreter vor den Vorhang.

Der fruchtbare Kirschbaum                                                                           

Ich bin ein Kirschbaum und lebe in einem Weingarten an der Oberen Jungenberggasse am Bisamberg. Das Foto stammt vom 20.03.2020. Momentan erfreuen sich nicht nur viele Spaziergeherinnen und Spaziergeher an meiner Blütenpracht; auch für viele Insekten biete ich eine wichtige Nahrungsquelle in diesem noch so jungen Frühling.

Meine Blüten sind ein Sinnbild für Glück, Schönheit und Reinheit, sowie für Aufbruch und Neubeginn. Gleichzeitig verblühen meine Blüten schnell, lösen sich sanft vom Kelch und gleiten sanft zur Erde: So symbolisiert meine Blütenpracht auch den vollkommenen, gelassenen Tod sowie die Gleichgültigkeit gegenüber irdischen Dingen.

Mich ehrt es sehr, dass die offizielle Pflanze unseres Partnerbezirks Katsushika, ein Bezirk Tokios, die Kirschblüte ist. In Japan wird die Zeit der Kirschblüte Sakura genannt. Zu dieser Zeit wird der Beginn des langersehnten Frühlings gefeiert.

Will man Kirschblüten sehen, lohnt sich momentan ein Besuch im Kirschblütenpark an der Tokiostraße. Ich weiß, ihr Menschen müsst momentan eine ein-Meter-Abstand-Regel einhalten und seid in euren Freiheiten beschränkt, und so weiter. Aber gerade in Zeiten der Sorge braucht ihr uns Kirschbäume als Kraftbäume, denn wir wirken wärmend und erheiternd,  sorgen für Optimismus und wecken dynamische Energien: All das wirkt belebend und stärkt so euer Immunsystem.

Die Schwarzlackenauer SilberpappelN                                                     

Das Foto von uns stammt vom 15. März 2020 und wir stehen im Jedleseer Aupark, an der Überfuhrstraße und der Donauuferautobahn auf der einen, dem Sportplatz und der Lorettowiese auf der anderen Seite.

Unsere Baumahnen lebten in einem richtigen Auwald an der Donau, die einst aus vielen Seiten- und Nebenarmen bestand. Immer wieder wurde der Wald überflutet, Ufer erodierten, anderswo wurde Schutt abgelagert, die  Stellen verlandeten. Es war ein ständiges Entstehen und Vergehen. Für unsere Vorfahren war das richtig fein, diese Dynamik, mit der wir Silberpappeln richtig gut zurecht kommen.

Später war die Schwarze Lacke ein stehendes Gewässer, die nur bei Hochwasser ein fließender Nebenarm der Donau war. Auf der Insel zwischen dem damaligen Hauptstrom der Donau und der Schwarzen Lacke waren Auwälder und Wiesen.

Einige Donauregulierungen später, hat sich unser Lebensraum ziemlich verkleinert. Die Schwarzlackenau ist besiedelt, der Altarm  zugeschüttet und begrünt.

Vielleicht habt ihr euch schon gefragt, warum wir wissen, dass es hier früher ganz anders ausgeschaut hat? Wir Bäume sind tausendfach verbunden und verwurzelt, das macht uns zu recht geselligen Wesen. Über das Wurzelwerk  und  Pilzgeflechte in der Erde können wir uns miteinander austauschen, uns Geschichten und Sagen erzählen, uns aber auch vor Fressfeinden warnen oder einander unterstützen.

Manche Bäume leben in eheähnlichen Beziehungen. Das erkennt man, wenn die Wurzeln zweier Bäume stark verschlungen und einander zugewandt sind, während die Kronen auseinanderwachsen, um nicht um das Sonnenlicht zu konkurrieren.

Von den Erzählungen unserer Baumahnen wissen wir, dass so eine Überflutung im Auwald etwas ganz Feines ist. Wir stellen uns vor, es ist, als würden unsere Beine und Füße angenehm massiert werden. In Wirklichkeit kennen wir dieses Gefühl  gar nicht. Wasser von unten und oben wird immer weniger, die Temperaturen höher. Wir träumen davon, so eine Massage einmal zu erleben. Wie kann Wasser zu uns in den Aupark gelangen?

Wien und die unregulierte Donau auf der Josephinischen Landaufnahme um 1790
Schwarze Lacke und seine Umgebung (Auszug aus dem Aufnahmeblatt der Landesaufnahme 1872

Die traurige Fichte                                                                                               

Ihr kennt mich alle, ich bin eine Fichte (Picea abies). Ich stehe seit 1979 an der Ecke Stammersdorfer Straße/Johann-Weber Straße.

Wir Fichten sind wirtschaftlich die wichtigste Baumart in Österreich. Unser Holz ist ein Traum, da wir einen geraden Stamm haben, und unser Holz leicht zu bearbeiten ist. Außerdem wird aus uns hochwertiges Papier gemacht, und Fichtenharz fand früher vielfältige Anwendung.

Eigentlich sind wir in den Bergen heimisch und lieben feuchtes, kühles Wetter. Wegen unserer Talente wurden meine Artgenossen lange Zeit  überall im Land angepflanzt. Dass das keine besonders gute Idee war, ist schon länger bekannt. Durch den Klimawandel geht es uns aber nun ziemlich an den Kragen: Die extreme Hitze und Trockenheit der letzten Sommer tut uns wirklich sehr weh – AUTSCH! Dieser Stress schwächt uns so sehr, dass wir ganz anfällig für Schädlinge werden.

Wenn es mir schlecht geht, dann sieht man bei mir keine buschigen dunkelgrünen Nadeln, sondern es hängen dürre, kahle Zweige herunter. Ihr Menschen nennt das Lamettasyndrom.  Auch die Luftverschmutzung setzt mir stark zu. Mit meinen gut 40 Jahren bin ich noch ein ziemlicher „Jungspund“, denn Fichten können mehrere hundert Jahre alt und über 50 Meter hoch werden. Ich hoffe, dass ich mindestens noch 100 Jahre durchhalte. Optimistisch bin ich aber ehrlich gestanden nicht.

Ich stehe übrigens auf einer Grünfläche, die lieblos gestaltet ist. Ich hätte da ein paar Verbesserungsvorschläge: Es könnten ja ein paar heimische Sträucher gepflanzt werden, die schön blühen, Beeren ansetzen und vielen Tieren Nahrung bieten. Ein Stadtwäldchen, das wäre fein!

Die Schwarzföhre beim Friedhof                                                                 

Ich stehe vor den Toren des Friedhofs Großjedlersdorf und wache über das Kriegerdenkmal an der Kreuzung Jedlersdorfer Straße und Strebersdorfer Straße.  In Österreich nennt man mich Schwarzföhre (Pinus nigra). Im Englischen höre ich auf den schönen Namen „Austrian Pine“. Ich bin äußerst robust und halte die Bedingungen in der Stadt ganz gut aus. Begeistert bin ich nicht über die vielen Fahrzeuge, die an mir täglich vorbeirollen, aber wenigsten gibt es einen ordentlichen Radweg, der an mir vorbeiführt: baulich getrennt, genug Platz - so soll`s sein!

Früher hat man das Harz von uns Föhren genutzt, und für Lacke und als Geigenharz eingesetzt. Das ist allerdings Vergangenheit, die „Pecherei“ wird nur von ein oder zwei Aussteigern als Liebhaberei betrieben.

Ich bin jedenfalls froh, nicht angeritzt zu werden. Lieber erfreue ich die Augen und bringe mit meinen immergrünen, buschigen Nadeln auch im Winter ein wenig Grün in die Stadt. Außerdem dienen meine Samen vielen Tieren als Nahrung.

Die 140-jährige Platane                                                                                   

Ich möchte zumindest 200 Jahre alt werden!

Ich heiße Ahornblättrige Platane (Platanus × acerifolia) und wachse nun schon seit 1879 im Wasserpark. Das sind über 140 Jahre. Für einen Baum in der Natur ein recht jugendliches Alter, aber in der Stadt ist das etwas Anderes. In Floridsdorf bin ich ich der älteste Baum auf öffentlichem Grund. Ich habe echt schon einiges erlebt: Als ich noch jünger war, war Floridsdorf sogar als mögliche Hauptstadt Niederösterreichs im Gespräch; dann ist Floridsdorf doch Teil von Wien geworden, das Kaiserreich ist zusammengebrochen, und die Kämpfe vom Februar 1934 habe ich fast hautnah miterlebt. Und dann ist es noch schlimmer geworden, und dann ist es wieder besser geworden. Wir Platanen sind schließlich etwas aus der Mode geraten, obwohl wir Luftverschmutzung gut aushalten, viel Schatten spenden und recht schön sind. Du erkennst uns leicht an der abschuppenden grau-braunen Rinde, den gelappten Blättern und an den stacheligen, runden Früchten. Ich halte Hitze und Kälte aus, aber ich brauche sehr viel Licht. Gefährlich werden kann mir die Massaria-Krankheit, eine sehr ungute Pilzinfektion. Die macht mir ab und zu Sorgen. Aber eigentlich plane ich noch weitere 140 Jahre im Wasserpark!